Editionsprojekt-Judenverfolgung

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Bieder kommt das Böse in die Welt

Start eines überfälligen Großprojekts: In 16 Bänden werden Historiker die Verfolgung und Vernichtung der Juden dokumentieren.
von Eckhard Fuhr, Die Welt, 25.1.2008

Am kommenden Sonntag wird man im Jüdischen Museum Berlin etwas zu hören bekommen. Von 14 Uhr an lesen Jutta Lampe, Angela Winkler, Wolfgang Häntsch und andere Schauspieler aus Zeitungsartikeln, Privatbriefen, Verwaltungserlassen, Konferenzprotokollen, Protestschreiben, Verordnungsentwürfen, Gutachten. Die Texte entstanden zwischen 1933 und 1937 und haben ein Geschehen zum Gegenstand, das sich später einmal als "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 bis 1945" darstellen wird.

Diesen Titel trägt eine auf 16 Bände angelegte Quellenedition, die in den nächsten zehn Jahren im Auftrag des Bundesarchivs, des Instituts für Zeitgeschichte München und des Lehrstuhls für Neuere und Neuste Geschichte der Universität Freiburg erscheinen wird. Zu den Herausgebern gehört neben Horst Möller, dem Direktor des Münchner Instituts, dem Freiburger Ordinarius Ulrich Herbert und anderen auch Götz Aly, der mit seinem Buch "Hitlers Volksstaat" über den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Befriedung und Rassenpolitik eine nachhaltige Debatte angestoßen hat.

Der erste Band, bearbeitet von Wolf Gruner, liegt nun vor: 800 Seiten dick, 320 sparsam und präzise kommentierte Dokumente in streng chronologischer Reihenfolge aus den Jahren 1933 bis 1937 sowie als Einleitung einen Abriss der Geschichte des deutsch-jüdischen Verhältnisses und des Antisemitismus seit dem 19. Jahrhundert. Der Band räumt mit den Mythen der Holocaust-Geschichtsschreibung auf, insbesondere mit der teleologischen Idee, Auschwitz sei die Konsequenz eines deutschen Sonderwegs gewesen. Lapidar heißt es zu dieser Frage: "Zweifellos mobilisierte der NS-Staat auch den über Jahrhunderte gewachsenen christlichen Antijudaismus und die im 19. Jahrhundert entwickelten nationalistischen Ressentiments, von 1938 an auch in den annektierten und besetzten Ländern Europas. Doch ist die Annahm irrig, in Deutschland habe sich ein spezieller, besonders bösartiger Antisemitismus eingeschliffen, der schon lange auf Auschwitz zugesteuert sei." Das allerdings macht es umso schwerer, den Zivilisationsbruch zu erklären.

Der Band bringt einen Chor aus jener Zeit zum Sprechen, in der noch kaum jemand an Ausmordung, ja noch nicht einmal Austreibung der Juden dachte. Aber dieser Chor zeigt, dass in einer zivilisierten Nation ziviles Zusammenleben Schritt für Schritt abgebaut werden können, ohne dass eine Mehrheit dagegen handelt. Es ist eine gute Idee, diese alles in allem unspektakulären Zeugnisse durch menschliche Stimmen zum Klingen zu bringen. Angesichts der Hölle der Vernichtungslager bleibt nur Grauen. Die Entrechtung und soziale Isolation einer Minderheit aber vollzieht sich in einer Gesellschaft durch Handlungen, Unterlassungen und Haltungen, die auch heute jeder nachvollziehen kann. Das Böse kommt in biederster Weise in die Welt.

Diese Erkenntnis wird durch den Verzicht der Herausgeber auf jede Dramatisierung gefördert. Auch haben sie bei der Auswahl darauf geachtet, den Horizont der damaligen Akteure nicht zu durchbrechen. Es sind keine rückschauenden Betrachtungen aufgenommen. Niemand, der zu Wort kommt, ist klüger, als man 1933 bis 1937 sein konnte, niemand wertet das Geschehen im Lichte späterer Erfahrung.

Beim Durchblättern der Dokumente stößt man immer wieder auf Vorgänge, die auf den ersten Blick kurios erscheinen. So teilt etwa am 23. August 1933 der Vorsitzende des "Verbands der Sittichliebhaber" in Hannover dem Reichsinnenminister mit, "dass sich der Verband am 29. Juni d.J. im Sinne der nationalen Regierung gleichgeschaltet hat". Er fügt die neue Satzung bei, in der festgelegt ist, dass Nicht-Arier nicht Mitglied des Verbandes werden können. Außerdem fügt er "als Mitarbeiter nationalsozialistischer Tageszeitungen" einen Artikel hinzu, "der ebenfalls meine streng nationalsozialistische Denkungsart zeigt". Bei dem Vereinsvorsitzenden handelt es sich um Johannes Schräpel, Buchhändler und Schriftsteller, der kurz nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Gedichtband "Ewigkeitssucher" hervortrat und vieles zur Ornithologie, aber auch zum niedersächsischen Volkstum publizierte. Parteimitglied wurde er erst 1937. Wie in seiner hackenschlagenden Vollzugsmeldung sich die Anpassung an die neuen Verhältnisse mit dem Schielen nach persönlichen Vorteilen verbindet, ist typisch für die Zeit. Vorstöße einzelner Unternehmer etwa, die jüdische Konkurrenz los zu werden, sind nichts Ungewöhnliches. So regt der Metallhändler Fritz Schünemann beim Münchner Oberbürgermeister an, Altmetalle nicht mehr an jüdische Firmen zu verkaufen. Die NSDAP war hier radikal in ihren Forderungen, stieß aber am Anfang immer wieder auf den Widerstand der Verwaltungsbürokratie. Manchmal findet sich sogar etwas wie trotziger Beamtenstolz gegen die braune Revolution. Die Deutsche Reichsbahn forderte ihre Dienstellen im September 1935 auf, gegen das Anbringen antijüdischer Schilder ("Juden unerwünscht") auf Reichsbahngelände vorzugehen. Es gibt Beispiele dafür, dass sich Professoren für jüdische Kollegen einsetzen ("Ich kenne Fräulein Dr. Kohn seit nunmehr 23 Jahren und habe insbesondere die Revolution von 1918 mit ihr durchgemacht. Über ihre politische Gesinnung kann ich demnach mit Sicherheit aussagen, dass sie durchaus antimarxistisch war und ist"); aber es finden sich auch Fälle krasser Denunziation.

In einem Schreiben an die NS-Beamtenabteilung bezeichnen Wissenschaftler des Potsdamer Observatoriums ihren Kollegen Erwin Finaly Freundlich, einen ehemaligen Mitarbeiter Albert Einsteins, im Juli 1933 als "antinational denkenden Juden-Abkömmling" und fordern seine Entfernung aus dem Dienst. Finaly Freundlich emigrierte bald darauf in die Türkei. Die Juden in Deutschland reagierten auf die rasch fortschreitende Ausgrenzung mit Rückzug, Selbsthilfe oder Emigration. Vor allem der assimilierten Mittelschicht der Ärzte, Rechtsanwälte und Kaufleute fiel es schwer, sich nun als Minderheit zu verstehen, die so gut es eben geht ihre Interessen verteidigen muss. Nicht alle deutschen Juden hatten den klaren politischen Blick, den die "Jüdische Rundschau" in ihrem Leitartikel vom 31. Januar 1933 zeigt: "Wir stehen als Juden vor der Tatsache, dass eine uns feindliche Macht die Regierungsgewalt in Deutschland übernommen hat.“

Illusionen, die Hitlerei sei eine schnell vorübergehende Episode, die man als Jude aussitzen könne, verflogen schnell. Das trieb die einen dazu, das Land zu verlassen, die anderen zur Rückbesinnung auf ihre jüdische Identität. Die ersten Jahre des "Dritten Reiches" sahen eine - erzwungene - Blüte jüdischen Vereinslebens. Die Entscheidung zum Gehen oder zum Bleiben hing nicht zuletzt von den Erfahrungen in der unmittelbaren Nachbarschaft ab. "Von Auschwitz her betrachtet", schreiben die Herausgeber in ihrer Einleitung, eröffne sich "eine tragische Einsicht: Je antisemitischer sich die ,arischen' Nachbarn, Kunden und Arbeitskollegen zu Anfang der NS-Herrschaft verhielten, desto schneller entschlossen sich die Bedrängten zur Flucht und retteten so ihr Leben. Zeigten sich die alten christlichen Bekannten und Freunde freundlich und hilfsbereit, entschieden sich die Verfolgten eher zum Bleiben. Das minderte ihre Überlebenschancen dramatisch.“

Von Auschwitz her gesehen, das lehrt diese bittere Wahrheit, zerbrechen die Maßstäbe moralischen Urteilens, wenn aus Judenfeinden ungewollt Judenretter und aus Judenfreunden Totengräber werden. Im Horizont der Zeitgenossenschaft aber lässt sich anständiges und bösartiges, mutiges und feiges, mitfühlendes und gleichgültiges Verhalten identifizieren und beurteilen. Alles kommt in den Anfangsjahren der Judenverfolgung vor in einem Mischungsverhältnis, dem nicht anzusehen ist, dass daraus Völkermord hervorgehen sollte.