Wie es geschehen konnte

Ein Großprojekt: Die Quellenedition zur Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden

von Hans Mommsen

Bei der Edition Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 han­delt es sich um eines der größten zeitgeschichtlichen Publikationsvorhaben. Mit ihm soll weniger wissenschaftliches Neuland erschlossen als vielmehr ein Gesamtbild der jüdischen Schicksale im „Dritten Reich“ gezeichnet und damit gleichsam ein „Schriftdenkmal für die ermordeten Juden Europas“ geschaffen werden. Es ist als Mahnmal für die Le­benden gedacht und zugleich als Geste der Wieder­gutmachung gegenüber den Opfern.

Die Besonderheit dieses Vorhabens besteht nicht allein im Umfang - am Ende sollen es 16 Bände sein. Es unterscheidet sich von herkömmlichen Edi­tionsvorhaben, die sich in aller Regel auf bestimmte Quellengattungen oder abgegrenzte thematische Komplexe beschränken, durch die Breite des Spek­trums. Es vereinigt Stücke unterschiedlichster Provenienz und Funktion, umfasst sowohl amtliche Dokumente, private Aufzeichnungen und Briefe, Presseberichte und Denkschriften, aber auch öf­fentliche Reden und geheime Ressortbesprechun­gen, kurzum ein Kaleidoskop der vielfältigen Facet­ten der Judenverfolgung. Neben Texten, die von den verfolgten Juden stammen oder ihre Lage schil­dern, soll eine „repräsentative Auswahl“ amtlicher Dokumente einbezogen werden, um „Motive und Handlungsweisen der Täter“ aufzuschlüsseln.

Die Herausgeber haben sich dazu entschieden, die ausgewählten Quellen streng chronologisch an­zuordnen und auf eine thematische Untergliederung in den einzelnen Bänden zu verzichten. In einer edi­torischen Vorbemerkung räumen sie ein, dass dies eine unübersichtliche Reihung von inhaltlich und formal variierenden Texten nach sich zieht. Sie recht­fertigen das Vorgehen mit dem zweifelhaften Argu­ment, dass damit dem „zufälligen und widersprüch­lichen Nebeneinander der Ereignisse“, in der „zeitge­nössischen Wahrnehmung“ entsprochen werde.

Freilich zeigt schon der erste, von Wolf Gruner bearbeitete Band, der das Deutsche Reich von 1933 bis 1937 behandelt, wie problematisch das Prinzip der chronologischen Reihung ist. Die darin abge­druckten 320 Dokumente beleuchten unterschied­liche Aspekte der schrittweisen Verdrängung der Juden aus Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft. Die einzelnen Texte sind zwar in der Regel vorbildlich ediert, wenngleich sich die Fußnoten vielfach in bio­grafischen Daten erschöpfen, aber das einführende Stichwort („Kernbotschaft“) reicht nur selten aus, um dem Leser begreiflich zu machen, was mit dem jeweils ausgewählten Objekt ausgesagt werden soll. Desgleichen sind dem Band ausführliche Angaben zu den Fundorten und benützten Veröffentlichun­gen sowie ein umfassendes Verzeichnis der erwähn­ten Institutionen sowie Orts- und Personenregister beigegeben, aber das ersetzt ein Sachregister nicht. Die editorische Sorgfalt wird durch die schematische Anordnung der Quellen konterkariert. Den vielfach zu detaillierten Fußnoten steht eine unzureichende inhaltliche Erläuterung der Texte gegenüber, vor al­lem bei den amtlichen Akten und Rechtsgutachten. Es ist schwer zu sehen, wie der normale Leser sich darin zurechtfinden soll. Was die abgedruckten Ak­tenstücke zum Komplex der „Nürnberger Gesetze“ angeht, sind sie infolge der chronologischen Anord­nung über viele Buchseiten hinweg voneinander ge­trennt, obwohl sie zusammengehören.

Für künftige Bände ist dringend anzuraten, eine sachliche Zuordnung der einzelnen Stücke vor­zunehmen, um Komplexität nicht in Unübersicht­lichkeit umschlagen zu lassen. Denn nur um ihm einen mehr oder minder impressionistischen Ein­druck vom Ablauf der Verfolgung zu verschaffen, ist dem künftigen Leser schwerlich die Lektüre von Tausenden von Texten zuzumuten. Daher wäre eine Untergliederung der künftigen Bände und eine kla­rere Komposition der Inhalte anzumahnen.

Die Herausgeber sehen die Funktion des Ge­samtwerkes weniger in dessen wissenschaftlichem Ertrag, obwohl dieser bei den späteren Bänden, die weithin wissenschaftliches Neuland betreffen, mit Sicherheit bedeutsam sein wird. Ihre Vorstellung, die sehr häufig aus dem Überlieferungszusammen­hang gelösten einzelnen Texte didaktisch, ohne wei­tere Aufbereitung, für den Schulunterricht und die politische Bildung nutzbar machen zu können, ist fragwürdig, und das gilt auch für die Chimäre, die Texte für sich selbst sprechen zu lassen.

Auch die knappe Einleitung der Herausgeber verringert dieses Problem nicht. Sie enthält zunächst einen Überblick über die Geschichte des Antise­mitismus in Deutschland bis zum Ausgang des Ers­ten Weltkrieges. Abgesehen von dem grotesken Fauxpas, ausgerechnet Theodor Mommsen dem „bürgerlichen Antisemitismus“ zuzurechnen, ist die Darstellung korrekt. Hingegen überrascht, dass für Weimarer Zeit weder der Alldeutsche Verband noch die Thule-Gesellschaft und vor allem der Deutsch­völkische Schutz- und Trutzbund ausdrücklich Er­wähnung finden, und die Rolle des Antisemitismus im Wesentlichen nur im Zusammenhang mit der NSDAP. Die Rolle des Rassenantisemitismus für den Zusammenhalt der Partei sowie die Herkunft der Führungskader aus den antisemitischen Verbän­den kommen nicht vor, desgleichen die berufliche Umschichtung der jüdischen Bevölkerung, die erst für die Zeit nach 1933 angesprochen wird.

Die Einleitung betont die Bereitschaft der intel­lektuellen Elite, die Diskriminierung der Juden hin­zunehmen. Jedoch werden die Gründe für den vor­zeitigen Abbruch des Aprilboykotts 1933 und den Übergang zur gesetzlichen Ausschaltung der Juden allenfalls gestreift, die innere Dynamik der Verfol­gung nur angesprochen, die Verzögerung der Fest­legung des Judenbegriffs bis Ende 1935 nicht näher erklärt. Der Akzent liegt auf der Skizzierung des Rückzugs und der Selbsthilfe der Juden, deren wirt­schaftlicher Ausschaltung und zunehmender Emi­gration. Die These, dass die Judenverfolgung schon 1937 in den Dienst der Kriegsvorbereitung gestellt worden sei, erscheint überzogen. Dass die Enteig­nung des jüdischen Bevölkerungsteils auch un­abhängig von dieser Perspektive spätestens seit 1936 in vollem Gange war, wird hingegen in der Quel­lensammlung nachdrücklich belegt.

Alles in allem möchte man dem Projekt jeden Er­folg wünschen, und es ist zu hoffen, dass die Heraus­geber auch in den Gliederungsfragen den Bearbei­tern größere Gestaltungsfreiheit belassen. Sie stehen vor einer höchst anspruchsvollen Aufgabe, vor allem im Blick auf die Erschließung der Vorgänge in den ost- und ostmitteleuropäischen Ländern, für die umfassende Darstellungen noch nicht vorliegen.

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945

Hrsg. von Götz Aly, Wolf Gruner, Susanne Heim, Ulrich Herbert, Hans-Dieter Kreikamp, Horst Möller, Dieter Pohl und Hartmut Weber; Bd. 1: Deutsches Reich 1933-1937;

bearbeitet von Wolf Gruner;

Oldenbourg Verlag, München 2008; 811 S. 59,80 €